Renee Steinhoff: Redebeitrag im Rat, aktuelle Stunde zum Thema geschlechtergerechten Sprache

  • Veröffentlicht am: 28. Februar 2019 - 16:18
Renee Steinhoff
Foto: Sven Brauers, © Grüne Hannover

Redebeitrag Renee Steinhoff (gleichstellungspolitische Sprecherin) zur aktuellen Stunde von DIE HANNOVERANER in der Ratssitzung vom 28.02.2019 „Die Einführung einer geschlechtergerechten Sprache der Verwaltung - ein Kulturbruch ohne Not und ohne Beteiligung des Rates.“

 

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, liebe Ratskolleg*innen,

es passiert nicht oft, dass ich mich über eine Aktuelle Stunde der Opposition freue. Aber dieses Mal ist das gänzlich anders. Über diese Aktuelle Stunde freue ich mich, wie sie sich alle denken können, sehr! Gibt sie uns doch die Möglichkeit einmal ausführlich über dieses wichtige, zeitgemäße und mir ganz besonders am Herzen liegende Thema zu sprechen.

In Richtung CDU kann ich an dieser Stelle nur sagen: Lieber Herr Semper, das mit der Grammatik und wie diese funktioniert hat ihnen Professorin Diewald, so hörte ich, ja ausführlich erklärt. Und auch für einige andere Personen hier im Hause wäre es durchaus lehrreich gewesen, das HAZ-Forum „Geschlechtergerechte Sprache und Verwendung des Gendersterns“ zu besuchen. Sehr vieles wurde an diesem Abend diskutiert und richtiggestellt.

Hier vielleicht ein kleiner Blick in die Geschichte: Das, was unsere Vorfahr*innen vor 500 Jahren, vor 200 Jahren, vor 100 Jahren gesprochen und geschrieben haben, hat doch längst nichts mehr mit dem zu tun, was heute üblich, Standard und Kultur ist. Sprache verändert sich, weil sich Gesellschaft verändert. Und Gesellschaft verändert sich, weil sich Sprache verändert.

Wir wissen heute, ganz egal was Ihr persönlicher Eindruck ist, dass unser Gehirn Sprache und Worte auf eine Weise verarbeitet, die verschiedene Bereiche des Gehirns aktiviert – visuelle, motorische, und emotionale Bereiche. Worte sind nicht einfach nur Worte, sondern es geht mit Worten auch immer eine Verarbeitung in unserem Gehirn einher. Und unser Gehirn funktioniert nun einmal nicht so, dass „Frauen und andere Personen mitgedacht werden, wenn sie mitgemeint“ sind.

Unsere Lebensrealität ist heute am 28. Februar 2019 eine andere als noch vor 100 oder 50 Jahren. Männer haben nicht mehr allein das Sagen in Politik, Arbeitsleben oder Familie und deshalb ist es höchste Zeit, dass sich genau das auch in unserer Sprache widerspiegelt.

Der gemeinsame Besuch des HAZ-Forums hätte uns wahrscheinlich einige dieser unsinnigen Anträge erspart, mit denen wir uns nun auseinandersetzen müssen. Aber ich kann Sie beruhigen, die Einführung des Gendersterns und einer geschlechtergerechten Sprache ist die logische Konsequenz aus aktuellen Forschungen.

Also kein Grund für Hysterie, meine Herren, die Entscheidung ist rein rational. Sie ist mehr als notwendig, um alle Menschen, für die die Verwaltung der Landeshauptstadt zuständig ist, zu respektieren. Und auch wir, die Ratspolitiker*innen, tun gut daran, alle Menschen zu sehen und alle Menschen respektvoll anzusprechen und nicht nur mit zu meinen.

Ich bin überrascht, dass die Opposition die Schönheit der Verwaltungssprache so betont. Gar von einem Kulturbruch ist die Rede. Ist Verwaltungssprache eine schützenswerte Kultur? Oder geht es Ihnen eher um den Männlichkeitskult? Alles was männlich ist wird benannt, alles andere ist eher zweitrangig.

Dann sage ich sehr deutlich: Ja! Her mit dem Bruch dieser sogenannten „Kultur“. Weg mit der rein männlichen Sprech- und Schreibweise. Das ist ein Kulturbruch, den ich schon lange fordere und der für mich mehr als selbstverständlich ist.

Übrigens: Es wurde lediglich ein Weg abgestimmt, wie die Verwaltung mit den Einwohner*innen Hannovers im besten Fall kommunizieren soll, damit sich alle angesprochen und wertgeschätzt fühlen. Ausnahmen sind zugelassen. Es geht hier nicht darum, jemandem etwas weg zu nehmen oder zu etwas Unzumutbaren zu zwingen, sondern Respekt zu zeigen. Respekt gegenüber Menschen, die sich nicht als Männer verstehen aber auch nicht als Frauen. Es geht um Sichtbarkeit für die, die von der Sprache unsichtbar gemacht worden sind und die bisher nie mitgemeint waren, weil niemand an sie gedacht hat.

Innerhalb der Verwaltung wurde der Prozess gestartet eine einheitliche, geschlechterumfassende Sprache zu finden. Einiges wird sich auch erst in diesem Prozess klären. Alleine die Absichtserklärung der Verwaltung hat aber eine gewaltige öffentliche Aufmerksamkeit ausgelöst. Das freut nicht nur mich, super! Endlich wird überall darüber diskutiert, wie Sprache sein sollte und welche Macht Sprache hat.

Über die Qualität von vielen Online-Kommentaren und Emails müssen wir wohl nicht sprechen. Ich frage mich nur: Haben all diese alten weißen Männer (denn solche waren es, die gewettert haben) nichts Besseres zu tun? Danke an alle Menschen, die dagegenhalten, mitdiskutieren und sich für eine Veränderung einsetzen.

Liebes Gleichstellungsreferat, liebe Beauftragte für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, lieber Gesamtpersonalrat, lieber Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, lieber Fachbereich Personal und Organisation, vielen Dank für Ihr Engagement für diese Stadt und Ihre Einwohner*innen!

Ich glaube daran, dass Sie etwas angestoßen haben, das unsere Verwaltung zu einer besseren Verwaltung für viele Menschen in dieser Stadt machen wird.

Liebe Kolleginnen, vielen Dank für eure und ihre Aufmerksamkeit! Sie, liebe Männer, sind selbstverständlich mitgemeint.